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Siebzehnte Ausgabe. 23. Oktober 2026

Liebe Kleist-Freundinnen und Freunde, liebe Mitglieder,

allmählich rückt das Kleistjubiläum heran und so finden Sie in dieser Ausgabe weitere Informationen zu den verschiedenen Veranstaltungen, die wir für das kommende Jahr planen.

Erfreulicherweise hat der Hauptstadtkulturfonds inzwischen den Antrag für unser Kleistfestival radikal gegenwärtig im LCB am Wannsee bewilligt. Am 12./13. Juni 2027 werden wir mit verschiedenen Autorinnen und Autoren der Gegenwartsliteratur, darunter auch die Kleistpreisträger*innen der letzten Jahre, Kleist feiern, lesen und befragen.

Vorher können wir uns auf die Verleihung des diesjährigen Kleistpreises an Thomas Melle am 22. November im Deutschen Theater freuen. Schon am Vorabend findet ein Gespräch über sein Werk im frisch sanierten Literaturhaus in der Fasanenstraße statt, das Svealena Kutschke moderieren wird.

Dieser Abend bietet sicher eine besondere Möglichkeit, einen Autor näher kennenzulernen, dessen Romane und Theaterarbeiten in den letzten Jahren immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Über dem Abgrund der eigenen Erkrankung reflektieren sie beharrlich die gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Gegenwart.

Übrigens bietet auch das Deutsche Theater rund um die Preisverleihung ein Kleist-Wochenende an, sodass die Anreise zur Preisverleihung für Theaterenthusiasten vielfach lohnt. Nach der Verleihung gibt es für Interessierte noch eine Führung durchs Haus und seine bewegte Geschichte.

Das Fundstück steuert wieder Burkhard Wolter bei, der uns ein Gedicht zum Kleistgrab (in Auszügen) präsentiert, das Mitte des 19. Jahrhunderts publiziert wurde. Es wirft viele Fragen auf und scheint interessanterweise ein Zeugnis der Kleist- und deutschen Shakespeare-Rezeption zugleich zu sein.

Wie immer freue ich mich über Zusendungen für den Abendletter, auch über Anregungen oder Kritik. Aktuelle Informationen zu unseren Jubiläumsveranstaltungen finden Sie ab November auf unserer Homepage.

Und last but not least: Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft ist jetzt auf Instagram! Auch dort informieren wir über aktuelle Veranstaltungen und einzelne Projekte der Gesellschaft. Schauen Sie vorbei oder folgen Sie uns unter: @heinrichvonkleistgesellschaft!

Jetzt freue ich mich auf das Wiedersehen rund um die Preisverleihung und grüße Sie bis dahin herzlich,

Ihre

Anne Fleig

Preis für den besten studentischen Kleist-Aufsatz

Unser diesjähriger Aufsatzpreis geht an Maria Sander, die an der LMU München Deutsch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien studiert. Maria Sander hat sich intensiv mit dem vergleichsweise selten behandelten Phöbus beschäftigt und einen philologisch ebenso genauen wie materialreichen Beitrag zur Bewegung zwischen Aufbruch und Tradition im Vergleich der beiden Gedichte Prolog und Epilog aus dem ersten Heft der Zeitschrift vorgelegt.

Die leitende Frage nach der Spannung zwischen den Texten wurde durch die zyklische Bewegung von Tag und Nacht und dem Sonnenverlauf überzeugend kontextualisiert.

Ankündigungen und Termine

21. November 2026

Kranzniederlegung

Auch in diesem Jahr findet der gemeinsame Gang zum Kleist-Grab am Kleinen Wannsee statt. Anschließend ist wieder ein Essen geplant. Nähere Informationen, auch zur genauen Uhrzeit, erteilt gerne Gabriele Gelinek: g.gelinek@web.de

21. November 2026

Thomas Melle Frankfurter Buchmesse 2018 © Heike Huslage-Koch, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license

Thomas Melle im Gespräch

19 Uhr, Literaturhaus Berlin

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

22. November 2026

Verleihung des Kleistpreises 2026 an Thomas Melle

11 Uhr, Deutsches Theater

Laudatio: Heinrich von Berenberg (Verleger)

Musik: Friederike Bernhardt (Klavier)

Im Anschluss lädt der Verlag Kiepenheuer & Witsch zu einem Sektempfang.

Anmeldung bitte bis zum 1. November an Mara Ruwe: mara.ruwe@fu-berlin.de

Ausblick auf 2027

Vormerken und Mitreden!

2027 feiern wir den 250. Geburtstag Heinrich von Kleists mit einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm, auf das Sie sich schon jetzt freuen dürfen.

22. bis 24. April 2027

Internationale Tagung an der Universität Bonn

„… in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden“: Anfänge und Schlüsse bei Heinrich von Kleist

Ort: Collegium Leoninum, Noeggerathstraße 34, 53111 Bonn

12. bis 13. Juni 2027

Kleistfestival

radikal gegenwärtig – Kleist in der Gegenwartsliteratur

Ort: LCB Wannsee, Am Sandwerder 5, 14109 Berlin

13. bis 14. Juli 2027

Tagung

Berlin, Mauerstraße 1810/11

in Kooperation mit der Internationalen Arnim-Gesellschaft und dem Preußenzentrum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Ort: BBAW, Jägerstraße 22-23, 10117 Berlin

19. bis 23. Juli 2027

Sommerakademie

Bewältigen. Prozesse und Verfahren im Werk Heinrich von Kleists

in Kooperation mit der Stiftung Kleist-Museum

Orte: Frankfurt/Oder und Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf

Bettina-von-Arnim-Str. 13, 14913 Niederer Fläming

Die Sommerakademie richtet sich an sehr gute Masterabsolventinnen und -absolventen sowie Doktorandinnen und Doktoranden. Bitte diese Information an mögliche Interessierte weiterleiten. Die Ausschreibung folgt im Laufe des Winters.

9. bis 12. September 2027

Exkursion nach Thun/Schweiz und Workshop

Aufbruch im Rückzug. Kleist und die Schweiz in Bern

Wir planen eine Exkursion an die Schweizer Kleist-Orte und haben dafür bereits Hotelzimmer in Thun reserviert. Die Anreise erfolgt individuell, sämtliche Kosten sind selbst zu tragen. Am 10. September 2027 findet in Bern ein Workshop statt, dessen Ziel zum einen ist, Kleists persönliche Faszination vom 'Mythos Schweiz' zu diskutieren (z. B. mit Blick auf Agromanie und Zivilisationskritik um 1800 sowie auf Vorstellungen politischer Freiheit in der Helvetischen Republik), zum anderen den 'Mythos Kleist' aus Schweizer Perspektive zu beleuchten. Möglich sind Beiträge zur Schweiz als Thema oder Gegenstand in Kleists Texten sowie zu den konkreten Einflüssen der Schweizer Netzwerke auf Kleists Schaffen. Erwünscht sind aber auch Beiträge zur literarischen Kleist-Rezeption in der Schweiz sowie zur Rezeption der Thuner Zeit. Der Workshop wird in Kooperation mit der Robert Walser-Gesellschaft und der Universität Bern stattfinden. Am 11. September erkunden wir Thun auf Kleists Spuren, auch eine Bootsfahrt darf dabei natürlich nicht fehlen. Wer an einem Vortrag auf dem Workshop interessiert ist, meldet sich bitte mit einem Vorschlag/Arbeitstitel bis zum 8. November 2026 bei Dr. Lea Liese: lea.liese@unibas.ch; wer an der Reise teilnehmen will, meldet sich bitte bis 1.12.2026 bei mir: anne.fleig@fu-berlin.de

28. bis 29. Oktober 2027

Internationale Tagung

Von Kleist bis Fontane. Journalistische Literatur und literarischer Journalismus im 19. Jahrhundert

in Kooperation mit Fontane-Archiv und Fontane-Gesellschaft in Potsdam

Ort: Fontane-Archiv Potsdam, Villa Quandt, Große Weinmeisterstr. 46/47, 14469 Potsdam

18. bis 21. November 2027

Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Mitgliederversammlung und Verleihung des Kleistpreises

Ort: Freie Universität Berlin, Seminarzentrum, Otto-von-Simson-Str. 26, 14195 Berlin

Alle unsere Veranstaltungen finden Sie ab November stets aktuell auf unserer Homepage.

Das gesamte Veranstaltungsprogramm zum Kleistjahr 2027 finden Sie auf der von der Stiftung Kleist Museum eingerichteten *Seite*.

Fundstück

Auf einem Ritt zu Heinrich Kleist’s Grabe bei Potsdam

Einige Anmerkungen zu einem Gedicht, das 1843 ohne Verfasserangabe in der von F eodor Wehl (1821–1890) herausgegebenen Zeitschrift Berliner Wespen erschien, und wohl bisher in der Kleistliteratur nicht erwähnt wird. Überhaupt fehlt eine Übersicht zu Wehls Aktivitäten und Schriften in Sachen Kleist. Bei Wikipedia gibt es einen Artikel zu Feodor Wehl (download 02.05.2026), in dem Kleist aber nicht genannt wird. Die Zeitschrift Berliner Wespen liegt dagegen in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) vollständig als Digitalisat vor. Im Heft 1 (1843) ist das Gedicht auf den Seiten 21–26 abgedruckt, 15 Strophen mit je 14 Zeilen, somit eins der umfangreichsten Gedichte über Kleist im 19. Jahrhundert:

Der Abend dämmert in die Welt herein,
Und hüllt sie still in seinen Mantel ein,
Die alte Welt, das ewig junge Kind,
Heut so und morgen wieder so gesinnt;
Das heute sitzt und schläfrig träumt und denkt
Und morgen brausend in die Schranken sprengt;
Das heute buhlt um eines Königs Gruß,
Getreten frevelnd unter seinen Fuß,
Und morgen schon mit seinem Blut getränkt
Ob ihrem Haupt die Freiheitsfahne schwenkt;
Das heute lächelt, jubelt, singt und springt
Und morgen traurig über Gräber hinkt;
Das, was es heut bis an die Wolke trägt,
Zornschmetternd morgen in den Boden schlägt.

…

So denkend fürder meinen Weg ich ritt
Und ließ dem Roß, das langsam vorwärts schritt
Durch tiefen Sand, die Zügel niederhangen.
Und endlich fern von aller Welt hinaus
Kam ich zu eines Dichters Todtenhaus,
Das wüst und öd‘ und ohne alles Prangen.
Am stillen Ort, wo er sein Blut vergoß
Und seiner Freundin Blut, liegt er begraben.
Vergessen längst hat ihn der große Troß,
Der nie verstanden seines Reichthums Gaben;
Der nie gewußt, was seine Seele barg
Und er hinunter nahm in seinen Sarg;
Der nie geahnt hat seines Frühlings Flor
Und nie begriff, was er in ihm verlor.

…

O, Heinrich Kleist, du deutscher Mann und Dichter,
Du starker Held inmitten von Gelichter,
Das feige duckte in das Joch der Knechte
Und keinen Arm erhob dem heil’gen Rechte.
In deiner Dichtkunst Mantel hülltest ein
Du dein Gesicht und schüttetest hinein
Der wunden Seele heiße Thränenquelle.
Versiegt war deiner Lieder tiefes Bette,
Du sangest nicht geharnischte Sonette,
Kein Kampflied trat auf deiner Lippen Schwelle.
Dein Schmerz war größer, tiefer und darum
Standest du und weintest und warst stumm,
Doch jede Thräne, die dem Aug‘ entfloß,
Ein Heer von Liedern kampfbereit umschloß.

…
 
Du warst ein Dichter und du warst ein Held
Und konntest Knechten keine Lieder bringen,
Dein Herz schlug einzig einer freien Welt,
Und dieser nur konnt’st du entgegensingen.
Du warst ein Dichter und du warst ein Held,
Du konnt’st in Liedern trügen nicht und lügen,
Der Wahrheit stand’s als Ritter du gesellt,
Und ihrem Dienst nur mochtest du dich fügen.
Du warst ein Dichter und du warst ein Held,
Du konnt’st mit Liedern deinen Groll nicht brechen,
Der dir den Busen berstend angeschwellt;
Mit deines Blutes brennendheißen Bächen
Hast du ihn ausgeströmt in kahlen Sand ---
Und dich gelästert hat dein Vaterland.
 
…
 
Deutschland, der Lear, vertheilte seine Reiche,
Gab aus den Händen Zepter, Kron‘ und Macht,
Und wie die Noth kam, stand er da, der bleiche,
Der kranke König in der wilden Nacht.
Verstoßen ging er von der Töchter Thoren
Hinaus in Wetter, Regen, Sturm und Wind,
Er hatte Alles mit dem Thron verloren,
Luft, Liebe, Ansehn, Ehre, Macht und Kind.
Und wie auf’s Haupt der erste Schlag ihn traf,
Rief er: "Ich glaub‘, es liegt die Welt im Schlaf!"
Und als er einsah halb schon seine Schuld,
Rief er: "Will sein ein Muster an Geduld!"
O Deutschland, alter, greiser Lear,
Geduld Ist deine erst‘ und deine schwerste Schuld!
 
…
 
Und einen trüben Narr’n hat Lear gefunden,
So treu und wacker und so liederreich,
Doch als Cordelia ihm fern entschwunden,
Die Freiheit , hockt‘ er abgehärmt und bleich,
Und mit des Auges salzigbittren Zähren
Goß er des Grames wuchtbehängte Aehren.
O Deutschland, großer, kaiserlicher Lear,
Kleist war dein Narr und hielt sich treu zu dir,
Als Alle wichen und an dir verzagten,
Hat er sich warm und fest an dich geschlossen,
Und erst als deine morschen Sinne jagten
Thalabwärts auf des Wahnsinns wilden Rossen,
Ging er verlassen in die Nacht hinein
Und starb im Wald auf einem kalten Stein.

…

O Heinrich Kleist, an deinem Grab ich steh'
Und meine Seele ist gefüllt von Weh,
Und in die Nacht erheb' ich meine Hand
Und diese Worte schleudr' ich in das Land:
O Deutschland, großer, kaiserlicher Lear,
Ein jeder Zoll ist König nicht in dir,
Du bist zerklüftet, schlottrig und zerrissen
Und deine Kron‘ in viele Scherb‘ zerschmissen,
Du liegst darnieder, ein geschlagner Greis,
Der nicht Cordelia’s Herz zu deuten weiß.

(gekürzte Fassung)

In: Berliner Wespen, Leipzig: Reclam 1843, hg. von Feodor Wehl, Heft 1, S. 21-26.

Schon beim Lesen des Gedichtes ergeben sich die ersten Überlegungen zur Interpretation. Im Gedicht werden nur zwei Personen namentlich genannt, Heinrich von Kleist und Lear (auch König Lear), gibt es dadurch Anspielungen auf damalige preußische Herrscher? Welche Kenntnisse braucht man, um die damalige Zensur in Preußen angemessen zu verstehen? Im Artikel bei Wikipedia steht der Hinweis, dass Wehl durch andere Texte 1845 wegen Beleidigung zu neun Monaten Festungshaft verurteilt wurde. „Diese Strafe wurde durch sein Gnadengesuch auf sechs Monate reduziert, hatte aber die anschließende Verbannung aus der Hauptstadt [Berlin] zur Folge.“

Ich habe zurzeit mehr Fragen als Antworten zu diesem Gedicht. In dieser Zeitschrift werden etliche Texte keinem Verfasser zugeordnet, entspricht das der damaligen Praxis von Herausgebern? Und kann man das Gedicht Feodor Wehl zuschreiben? Was wären Kriterien? Vielleicht hat jemand Hinweise für mich? Ich habe das Gedicht für den Druck gekürzt, um es im Abendletter zeigen zu können, das vollständige Gedicht ist über die ZLB jederzeit zugänglich.

Hinweise gerne an mich: Burkh.Wolter@t-online.de

Burkhard Wolter

Der Einsendeschluss für den nächsten Abendletter ist am 31. März 2027.

Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

c/o Prof. Dr. Anne Fleig
Freie Universität Berlin
Institut für deutsche und niederländische Philologie
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

E-Mail anne.fleig@fu-berlin.de